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Theater am Kirchturm

Das "Theater am Kirchturm" ist Teil der Pfarrgemeinde Maria Himmelfahrt in Weilbach und wurde 1999 gegründet. Es galt damals im Rahmen einer "Talente-Aktion" Geld für die Innenrenovierung unserer Pfarrkirche aufzutreiben. Die Idee Theater zu spielen brachte Marita Brose bei einer Pfarrgemeinderatssitzung ins Gespräch und hatte gleich fast die Hälfte der Anwesenden als Schauspieler gewonnen. Als bei einem ersten Treffen - über das Miteinander öffentlich ausgeschrieben - auch noch Clarissa Messer als Regisseurin dazu stieß, stand dem Erfolg des Projekts nichts mehr im Wege.

Das erste abendfüllende Stück war "Denn sie wissen was sie tun - oder wie umgehe ich die 10 Gebote". Dann folgten im malerischen Ambiente des Weilbacher Schlosses als Freilichtaufführungen: "Der Hessischen Jedermann" und "Der Widerspenstigen Zähmung". Der Renner, und 11-mal aufgeführt "Top Dogs" von Urs Widmers. 2008 "Die Stützen der Gesellschaft" von Ibsen, 2009 "Der Revisor" von Gogol als Aufführungen in der Weilbachhalle und 2010 das Jugendstück "Chatroom". 2010 konnte Clarissa Messer für das Theater am Kirchturm den Kulturpreis der Stadt Flörsheim in Empfang nehmen.

Im Jahr 2012 hat sich Clarissa Messer, einen lang gehegten Wunsch erfüllt und ein Stück mit gehörlosen und hörenden Schauspielern auf die Bühne gebracht. Nicht irgendein Schauspiel, sondern den PEER GYNT von Henrik Ibsen. Ein Stück, das ohnehin wegen seiner Themenfülle eine Herausforderung für jedes Theater ist. Der Grund liegt in ihrer Lebensgeschichte. Clarissa Messer wurde 1972 in Weilbach als hörende Tochter gehörloser Eltern geboren. Durch die schauspielbegeisterte Mutter schnupperte sie schon in jungen Jahren Theaterluft und hat nach dem Abitur und Studium in der Theaterbranche ihr Hobby zum Beruf gemacht.

Das 30köpfige Ensemble des Theaters am Kirchturm hat eine Altersspanne von 50 Jahren. Die jüngsten Schauspieler büffeln fürs Abitur, die ältesten genießen bereits den Ruhestand. Kaufleute, Chemiker, Hausfrauen, Seelsorger, Angehörige aus medizinischen Berufen, Volks- und Betriebswirte finden im Hineinschlüpfen in andere Rollen, im Ausleben fremder Gemütszustände einen Ausgleich zum oft anstrengenden Alltag. Durch den Zuwachs von 12 gehörlosen Schauspieler für den PEER GYNT wurde das TaKt noch ein Stückchen bunter.

Die Heimat des TaKt, die Gemeinde Maria Himmelfahrt, ist von ihrem Selbstverständnis her eine offene Gemeinde mit aufmerksamen Blick und Herzen. Dabei ist das TaKt keine "sortenrein" katholische Gruppe. Seit 17 Jahren haben katholische und evangelische Christen gemeinsam mit bekenntnisfreien Menschen ziemlich viel Spaß zusammen.

Romulus der Große, 24./25.6.2017

Romulus der Große ging als eine tragische Figur in die Geschichte ein. Er regierte ein Jahr und hatte am Ende seiner Amtszeit die Entscheidung zu treffen, die römische Krone an germanische Eroberer weiter zu geben. Während seiner Amtszeit trug Romulus den spöttischen Spitznamen ‚Augustulus‘, welcher am ehesten mit ‚Kaiserlein‘ zu übersetzen ist.

Als wäre das alles nicht schon genug, schrieb Friedrich Dürrenmatt 1949 das Drama „Romulus der Große“, eine ungeschichtlich-historische Komödie.

Während der echte Romulus keine Chance hatte, besonders viel Erfahrung während seiner Regierungszeit zu sammeln, hat der Dürrenmatt-Romulus eine sehr lange Amtszeit hinter sich, als es zu der Situation kommt, dass er seine Krone an den Feind verliert. Er ist ein alter Mann, geprägt von geschichtlichen Geschehnissen und seinem Talent, diese erfolgreich zu ignorieren.

Sein größtes Hobby ist die Hühnerzucht. Romulus benennt alle seine Hühner nach berühmten Persönlichkeiten und macht das ‚Morgenessen‘ jeden Tag mithilfe der Eier zu einem Orakel. Hat das Huhn „Cäsar“ beispielsweise an einem Tag kein Ei gelegt, sein germanischer Widersacher, das Huhn „Odoaker“ jedoch zwei, muss es schlecht um Rom stehen.

In der Schlüsselszene des Stücks lernt man besagten Gegner Odoaker kennen. Er ist, entgegen aller Erwartungen, ein Anhänger der römischen Kultur und sieht sich keineswegs als Eroberer. Im Gegenteil, er bittet Romulus um Asyl für sein ganzes Volk. Er will, dass sich die römische Kultur auf die Germanen überträgt, die Gewaltbereitschaft sinkt und er möchte endlich den unbelehrbaren Heldenkult aus seinen Untertanen treiben. Odoaker weigert sich, die Unterwerfung Romulus’ zu akzeptieren, ebenso wie Romulus sich umgekehrt weigert, die Unterwerfung Odoakers zu akzeptieren.

Zwei erwachsene Männer, die sich kindisch weigern, ihren Stolz wieder zu finden und dabei auch noch ein gemeinsames Hobby betreiben - die Hühnerzucht. „Romulus der Große“ ist ein Stück über Projektionen und Zeiten des Umbruchs und damit auch heute noch aktuell.

Das TaKT begegnet dem Inhalt des Stücks mit einer gehörigen Portion Humor und Satire im Gepäck. Man trifft im Laufe der Inszenierung auf Menschen, die augenscheinlich nichts persönlich mit Romulus zu tun gehabt haben können, die aber dennoch erstaunlicherweise perfekt in das Umfeld passen und einem auf eine etwas eigene Weise die Augen öffnen.

Lisa Bergen, Theater am Kirchturm

© Katholische Kirchengemeinde St. Gallus Flörsheim am Main
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